Erfahrungsbericht: Virtual Pro (FIFA10)
Vor ca. zehn Jahren habe ich schon mit Freunden darüber diskutiert, wie toll es doch sein müsse, wenn man im FIFA 10 gegen 10 spielen könnte und jeder nur einen Spieler übernimmt. Diese Wunschträume sind seit einiger Zeit wahr geworden, dank des “Be A Pro” -Features, welches seit 2008 in der FIFA-Reihe integriert ist. Man kann nun online mit 19 anderen FIFA-Spielern den digitalen Rasen betreten und der Simulation noch mehr Tiefe verleihen. Mit dem darauf aufbauenden Virtual Pro-Feature kann man sich sogar seinen eigenen Pro erstellen und dessen Skills mit der Zeit verbessern und sogar einem Verein beitreten oder selbst einen Verein gründen. Es gibt allerdings einige Probleme, die diese neue Spielform mit sich bringt.
Die voreingestellte BeAPro-Kameraperspektive soll dem Modus zusätzliche Dynamik und Spielspass geben, führt in der Praxis aber oft eher dazu, dass die Steuerung des Spielers erschwert ist und man die Übersicht verliert. Die Kamera verändert ihre Position ständig und passt sich zwar dem Spielgeschehen an, beeinflusst dadurch aber auch das Verhalten des Spielers. Zum Beispiel fährt die Kamera in Situationen, in denen der Spieler den Ball führt und in die Nähe des Tores kommt, direkt hinter den Pro und verengt das Sichtfeld. Diese Einstellung der Kamera soll wohl das Adrenalin widerspiegeln und den Fokus in solchen Situationen auf die Schussabgabe richten, beeinträchtigt aber in hohem Maße die Pass-Mögchlichkeiten des Spielers, da er der Übersicht beraubt wird. Dies führt dazu, dass der Spieler in egoistischem Verhalten mehr Gewinnchancen sieht, da ein Fehlpass mit Formabzügen bestraft wird und ein Fehlpass dank fehlender Übersicht wahrscheinlich ist. Es empfiehlt sich daher, die Kameraperspektive auf die “normale” Tele-Einstellung zu setzen. Durch diese Einstellung geht zwar ein grosser Teil der Immersion verloren, aber die Performance des Spielers verbessert sich deutlich.
Online findet man sich schliesslich nicht selten mit einer Horde egoistischer Stürmer auf dem digitalen Platz wieder, die aus jeder Position aufs Tor schiessen. Es darf hierbei nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Verhalten vom Spiel an sich sogar belohnt wird: Mit jedem Schuss aufs Tor bekommt der Spieler nämlich einen Formschub. Ab einem gewissen Punkt verbessert dies sogar kurzfristig seine Fähigkeiten und erhöht seine Chancen auf einen erfolgreichen Torschuss. Natürlich wird der Spieler auch mit erfolgreichen Zweikämpfen und seinem Passverhalten belohnt. Diese Belohnungen fallen allerdings vergleichsweise mickrig aus.
Neben diesem Belohnungssystem und den Einschränkungen durch die Kamera kommt auch noch das Spielverständnis der Mitspieler selbst hinzu. Viele sehen sich nicht dazu veranlasst, wichtige Aspekte des Mannschaftssports in ihr Spielverhalten zu integrieren, da sie die anderen Spieler online meistens nicht kennen und ihnen gegenüber also auch keine Verpflichtungen haben. Jede dritte Online-Partie wird somit zum frustrierenden Gekicke.
Insgesamt kann man also sagen, dass die Mechanismen, die FIFA10 für diesen Spielmodus bereitstellt nicht unbedingt zu einem befriedigenden Online-Spielerlebnis beitragen. Erstaunlicherweise findet man sich trotzdem hin und wieder in Online-Partien, die über die volle Spielzeit Spannung garantieren und in denen hohe digitale Fussballkunst geboten wird. Wenn man das Glück hat intelligente und umsichtige Mitspieler im Team zu haben, dann macht die Sache richtig Spass. Hoffentlich baut EA den Be A Pro- bzw. Virtual Pro-Modus noch aus und ermöglicht auch durch spielinterne Anreize und Strukturen ein besseres Online-Erlebnis.
Bis jetzt hat sich EA nämlich vor allem auf technische Aspekte dieses Modus konzentriert und ermöglicht dem Spieler in FIFA10 beispielsweise zum ersten Mal sein eigenes Gesicht als sogenanntes GameFace ins Spiel zu integrieren. Das ist ganz nett, lenkt aber nicht von den oben genannten Kritikpunkten ab.
Fazit: Der Be A Pro-Modus ist eine tolle Sache, aber es fehlt an spielinterenen Anreizen, die selbst egoistische Mitspieler online zu besserem Teamwork anregen. Trotz allem glaube ich daran, dass das die Zukunft des digitalen Fussballs ist.

